ArtCatalyse International Ausstellungen

Pressmitteilung


Wir sind eine schlaflose Gesellschaft geworden. Viele können nicht schlafen, denn ungewillt rattert es weiter, lässt sich die Maschine nicht abstellen. Viele wollen nicht schlafen, weil es so Wichtiges zu tun oder erleben gibt. Drogen helfen, den Schlaf zu besiegen. Forschungsberichte halten fest, dass in der Menschheit noch nie so wenig geschlafen wurde wie heute.


Die Industrialisierung führte dazu, dass sich Tag und Nacht immer mehr angleichen. Gleichzeitig existiert ein Muss zum Schlaf. Nichts erscheint beängstigender als das nächtens ruhelose Umherwandeln. Wenn der Schlaf sich nicht einstellen will, wird er medikamentös erzwungen, um endlich Ruhe zu haben, ausruhen zu können und abzutauchen ins dunkle Vergessen.














Dump Time - Für eine Praxis des Horizontalen
Shedhalle, Zürich (Schweiz)

05.03 - 15.05.2011






















11.10.2012 - 20.01.2013




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Ausstellung 5.03 – 15.05 2011. Shedhalle Zurich, Rote Fabrik, Seestrasse 395 - 8038 Zurich (Switzerland). Tel.: +41 44 4815950. Öffnungszeiten Mi – So 13 bis 18 Uhr.
















Animism
Haus der Kulturen der Welt, Berlin (Deutschland).
16.03 - 06.05.2012

Text von Anselm Franke, Kurator der Ausstellung „Animismus“

Die Ausstellung „Animismus“ beginnt bei dem, was uns allen aus Kunst und massenkulturellen Produkten – dem Trickfilm etwa – als Animation bekannt ist. Innerhalb der Kunst ist die Animation ein bekannter Effekt, anhand dessen Leben und Lebendigkeit suggeriert werden, insbesondere durch Bewegung, den aber auch Skulpturen oder bestimmte Bilder auszulösen imstande sind, insbesondere wenn diese den Blick des Betrachters gleichsam zu erwidern scheinen.

Aber was wir in der Kunst als Effekt akzeptieren, ist außerhalb dieser ein historisches Problemfeld. Was nehmen wir als lebendig wahr? Wenn wir diese Frage jenseits des Feldes der Kunst stellen, zieht sie unweigerlich Fragen nach sich, die uns auffordern, weitere Unterscheidungen zur Klärung anzuführen. Der bloße Effekt von Lebendigkeit ist nicht mit Eigenleben gleichzusetzen, das scheint außer Frage zu stehen. Aber wo verläuft die Trennungslinie? Was besitzt Seele, Leben, und Handlungsmacht? Dass die Grenze etwa zwischen beseelter und unbelebter Materie oder zwischen reinen Subjekten und bloßen Objekten keineswegs naturgegeben ist, dafür spricht schon die Tatsache, dass diese Grenze in verschiedenen Kulturen höchst unterschiedlich wahrgenommen und konzipiert wird. Eine letztgültige „objektive“ Bestimmung der „richtigen“ Trennung wird es daher kaum geben – um sich das auch innerhalb der eigenen Kultur zu vergegenwärtigen, denke man nur an die Unwägbarkeiten etwa bei der Debatte um den Zeitpunkt des menschlichen Todes und die Definition des „Hirntods“. Die Trennlinie ist aber auch keineswegs eine „rein“ subjektive Angelegenheit – immerhin ist sie für die Organisation der materiellen Beziehungen zur Natur ebenso entscheidend wie für die Frage, welchen sozialen und politischen Status Lebewesen in einer bestimmten Gesellschaft einnehmen. Können wir diese Trennlinie selbst und die sie organisierenden Wissensordnungen und Praktiken in den Blick nehmen? Das Projekt „Animismus“ geht davon aus, dass sich die Grenzziehungen im Imaginären einer Kultur symptomatisch spiegeln, dass Repräsentationen, ästhetische Prozesse und mediale Bilder diese Trennlinien konsolidieren, reflektieren und überschreiten. Die Ausstellung untersucht daher, wie sich diese Grenze in ästhetischen Prozessen der Subjektivierung und Objektivierung widerspiegeln, und sie versucht, diese ästhetischen Prozesse in die konkreten geschichtlich-politischen Hintergründe der kolonialen Moderne einzuschreiben.

Das radikalste Gegenbild zur westlich-modernen Weltsicht, deren dualistische Konzeption von einer kategorischen Subjekt-Objekt- Trennung ausging, findet sich im Animismus. Als animistisch werden solche Weltsichten bezeichnet, in denen es keine kategoriale Trennung von Natur und Kultur gibt, in der Objekte, die Natur oder der gesamte Kosmos als belebt wahrgenommen, und daher quasi subjektiviert werden. Ende des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt von Kolonialismus und wissenschaftlichem Fortschrittsglauben, suchte das moderne Weltbild sich im Bild des vormodernen Anderen selbst zu bestätigen. Und der Animismus wurde zum exemplarischen Ausdruck dieser Vorstellung vom Anderen. Animismus ist ein Gegenbild zur „entzauberten“, objektivierten, verdinglichten Welt der Moderne. Aus dieser Perspektive steht er für eine Welt der magischen Verwandlungen, in der die aus der Sicht der Moderne richtigen Grenzen vermeintlich verkannt oder – in einer romantisch-utopischen Wendung – überwunden worden sind. So real die Existenz animistischer Kulturen ist – sie machen nach einem christlichen Handbuch für Missionare heute in all ihrer Heterogenität rund 40 Prozent der Weltbevölkerung aus –, so problematisch war deren Erklärung für die westlich-moderne Tradition. Gehen wir von den eigenen Grundannahmen darüber aus, was „Natur“ und „Kultur“, „Objekte“ und „Subjekte“ konstituiert, so bleibt uns scheinbar nichts anderes übrig, als den Animismus als einen „Glauben“ zu charakterisieren, der die objektive Realität der Dinge verfehlt, und ihn anschließend als einen psychologischen Mechanismus zu erklären. Dabei werden aber die eigenen Grundannahmen und Grenzziehungen unhinterfragt auf andere Kulturen projiziert.

Der Animismus wird hier deswegen thematisiert, weil er eine reale Grenze der westlich-modernen Vorstellung darstellt, weil er eine Provokation des modernen Realitätsprinzips darstellt, das sich tief in die Alltagswahrnehmung eingeschrieben hat. Bestenfalls noch werden animistische Praktiken unter der Rubrik der „Kultur“ anerkannt, aber nur, solange sie keinen Anspruch einklagen, Aussagen über die wirkliche Beschaffenheit etwa der Natur zu treffen. „Animismus“ ist daher keine Ausstellung über den Animismus, die ethnografische Objekte in Vitrinen zeigt, von denen andere Kulturen behaupten, sie seien belebt. Denn die westliche Vorstellung vom Animismus des vormodernen Anderen, der fälschlich an die Beseelung von in Wirklichkeit unbelebten Objekten glaubt, ist selbst ein symptomatischer Ausdruck der modernen Grundannahmen. Der Begriff und die darin angelegte Vorstellung werden hier dagegen wie ein Rückspiegel betrachtet, anhand dessen die eigenen Grundannahmen zur Disposition gestellt werden können und damit als Produkte von Grenzziehungen erkennbar werden. Lässt sich Animismus jenseits der westlichen Vorstellung davon, was „Leben“, „Seele“, „Selbst“, „Natur“, „übernatürliche Kräfte“ oder „Glaube“ sind, als Praxis begreifen, beider es um andere Erfahrungen geht, um Prozesse und Wechselwirkungen von Subjektivierung und Objektivierung etwa, und nicht um starre Kategorien? Das Projekt „Animismus“ legt die Notwendigkeit einer Revision und Dekolonisierung nicht nur des überkommenen Verständnisses von Animismus, sondern auch des sich darin ausdrückenden modernen imaginären nahe.












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2012 Archive2011 Archive
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© ArtCatalyse International / Marika Prévosto 2012. Alle Rechte vorbehalten

Artists : Adam Avikainen, Artefakte//anti-humboldt, Angela Melitopoulos und Maurizio Lazzarato, Tom Holert, Martin Zillinger and Anja Dreschke, Dierk Schmidt, Jimmie Durham, Daria Martin, Paulo Tavares, Agency, Len Lye, Walt Disney, Ken Jacobs, Marcel Broodthaers, Didier Demorcy, Vincent Monnikendam, Candida Höfer, Yayoi Kusama, Victor Grippo, León Ferrari, J.J. Grandville, Rosemarie Trockel, Erik Steinbrecher, Daniel Spoerri, Istvan Orosz, Lars Laumann, David Maljkovic, Anna und Bernhard Blume, Roee Rosen, Hans Richter, Jean Painlevé, Walon Green,

David Abram, Cornelius Borck, Harry Garuba, Avery F. Gordon, Alejandro Haber, Tom Holert, Esther Leslie, Thomas Macho, Angela Melitopoulos/Maurizio Lazzarato, Tobie Nathan, Spyros Papapetros, Elisabeth von Samsonow, Erhard Schüttpelz, Gabriele Schwab, Isabelle Stengers, Michael Taussig, Paulo Tavares, und Rane Willerslev.


Tom Holert, The Labours of Shine, 2012. Courtesy the artist

Anselm Franke ist Ausstellungsmacher, Kritiker und Dozent. Er ist Kurator der Ausstellung „Animismus“, präsentiert von 2010–2012 in verschiedenen Kapiteln in Antwerpen, Bern, Wien, Berlin und New York.

Ausstellung 16 March - 6 Mai 2012. Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles Allee 10 - 10577 Berlin. Tel.: +49 (0)3 03 97 870. Öffnungzeiten : Mi. - Mo. 11 - 19 Uhr.


Animism
Haus der Kulturen der Welt, Berlin (Deutschland).
16.03 - 06.05.2012

Text von Anselm Franke, Kurator der Ausstellung „Animismus“

Die Ausstellung „Animismus“ beginnt bei dem, was uns allen aus Kunst und massenkulturellen Produkten – dem Trickfilm etwa – als Animation bekannt ist. Innerhalb der Kunst ist die Animation ein bekannter Effekt, anhand dessen Leben und Lebendigkeit suggeriert werden, insbesondere durch Bewegung, den aber auch Skulpturen oder bestimmte Bilder auszulösen imstande sind, insbesondere wenn diese den Blick des Betrachters gleichsam zu erwidern scheinen.

Aber was wir in der Kunst als Effekt akzeptieren, ist außerhalb dieser ein historisches Problemfeld. Was nehmen wir als lebendig wahr? Wenn wir diese Frage jenseits des Feldes der Kunst stellen, zieht sie unweigerlich Fragen nach sich, die uns auffordern, weitere Unterscheidungen zur Klärung anzuführen. Der bloße Effekt von Lebendigkeit ist nicht mit Eigenleben gleichzusetzen, das scheint außer Frage zu stehen. Aber wo verläuft die Trennungslinie? Was besitzt Seele, Leben, und Handlungsmacht? Dass die Grenze etwa zwischen beseelter und unbelebter Materie oder zwischen reinen Subjekten und bloßen Objekten keineswegs naturgegeben ist, dafür spricht schon die Tatsache, dass diese Grenze in verschiedenen Kulturen höchst unterschiedlich wahrgenommen und konzipiert wird. Eine letztgültige „objektive“ Bestimmung der „richtigen“ Trennung wird es daher kaum geben – um sich das auch innerhalb der eigenen Kultur zu vergegenwärtigen, denke man nur an die Unwägbarkeiten etwa bei der Debatte um den Zeitpunkt des menschlichen Todes und die Definition des „Hirntods“. Die Trennlinie ist aber auch keineswegs eine „rein“ subjektive Angelegenheit – immerhin ist sie für die Organisation der materiellen Beziehungen zur Natur ebenso entscheidend wie für die Frage, welchen sozialen und politischen Status Lebewesen in einer bestimmten Gesellschaft einnehmen. Können wir diese Trennlinie selbst und die sie organisierenden Wissensordnungen und Praktiken in den Blick nehmen? Das Projekt „Animismus“ geht davon aus, dass sich die Grenzziehungen im Imaginären einer Kultur symptomatisch spiegeln, dass Repräsentationen, ästhetische Prozesse und mediale Bilder diese Trennlinien konsolidieren, reflektieren und überschreiten. Die Ausstellung untersucht daher, wie sich diese Grenze in ästhetischen Prozessen der Subjektivierung und Objektivierung widerspiegeln, und sie versucht, diese ästhetischen Prozesse in die konkreten geschichtlich-politischen Hintergründe der kolonialen Moderne einzuschreiben.

Das radikalste Gegenbild zur westlich-modernen Weltsicht, deren dualistische Konzeption von einer kategorischen Subjekt-Objekt- Trennung ausging, findet sich im Animismus. Als animistisch werden solche Weltsichten bezeichnet, in denen es keine kategoriale Trennung von Natur und Kultur gibt, in der Objekte, die Natur oder der gesamte Kosmos als belebt wahrgenommen, und daher quasi subjektiviert werden. Ende des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt von Kolonialismus und wissenschaftlichem Fortschrittsglauben, suchte das moderne Weltbild sich im Bild des vormodernen Anderen selbst zu bestätigen. Und der Animismus wurde zum exemplarischen Ausdruck dieser Vorstellung vom Anderen. Animismus ist ein Gegenbild zur „entzauberten“, objektivierten, verdinglichten Welt der Moderne. Aus dieser Perspektive steht er für eine Welt der magischen Verwandlungen, in der die aus der Sicht der Moderne richtigen Grenzen vermeintlich verkannt oder – in einer romantisch-utopischen Wendung – überwunden worden sind. So real die Existenz animistischer Kulturen ist – sie machen nach einem christlichen Handbuch für Missionare heute in all ihrer Heterogenität rund 40 Prozent der Weltbevölkerung aus –, so problematisch war deren Erklärung für die westlich-moderne Tradition. Gehen wir von den eigenen Grundannahmen darüber aus, was „Natur“ und „Kultur“, „Objekte“ und „Subjekte“ konstituiert, so bleibt uns scheinbar nichts anderes übrig, als den Animismus als einen „Glauben“ zu charakterisieren, der die objektive Realität der Dinge verfehlt, und ihn anschließend als einen psychologischen Mechanismus zu erklären. Dabei werden aber die eigenen Grundannahmen und Grenzziehungen unhinterfragt auf andere Kulturen projiziert.

Der Animismus wird hier deswegen thematisiert, weil er eine reale Grenze der westlich-modernen Vorstellung darstellt, weil er eine Provokation des modernen Realitätsprinzips darstellt, das sich tief in die Alltagswahrnehmung eingeschrieben hat. Bestenfalls noch werden animistische Praktiken unter der Rubrik der „Kultur“ anerkannt, aber nur, solange sie keinen Anspruch einklagen, Aussagen über die wirkliche Beschaffenheit etwa der Natur zu treffen. „Animismus“ ist daher keine Ausstellung über den Animismus, die ethnografische Objekte in Vitrinen zeigt, von denen andere Kulturen behaupten, sie seien belebt. Denn die westliche Vorstellung vom Animismus des vormodernen Anderen, der fälschlich an die Beseelung von in Wirklichkeit unbelebten Objekten glaubt, ist selbst ein symptomatischer Ausdruck der modernen Grundannahmen. Der Begriff und die darin angelegte Vorstellung werden hier dagegen wie ein Rückspiegel betrachtet, anhand dessen die eigenen Grundannahmen zur Disposition gestellt werden können und damit als Produkte von Grenzziehungen erkennbar werden. Lässt sich Animismus jenseits der westlichen Vorstellung davon, was „Leben“, „Seele“, „Selbst“, „Natur“, „übernatürliche Kräfte“ oder „Glaube“ sind, als Praxis begreifen, beider es um andere Erfahrungen geht, um Prozesse und Wechselwirkungen von Subjektivierung und Objektivierung etwa, und nicht um starre Kategorien? Das Projekt „Animismus“ legt die Notwendigkeit einer Revision und Dekolonisierung nicht nur des überkommenen Verständnisses von Animismus, sondern auch des sich darin ausdrückenden modernen imaginären nahe.












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Artists : Adam Avikainen, Artefakte//anti-humboldt, Angela Melitopoulos und Maurizio Lazzarato, Tom Holert, Martin Zillinger and Anja Dreschke, Dierk Schmidt, Jimmie Durham, Daria Martin, Paulo Tavares, Agency, Len Lye, Walt Disney, Ken Jacobs, Marcel Broodthaers, Didier Demorcy, Vincent Monnikendam, Candida Höfer, Yayoi Kusama, Victor Grippo, León Ferrari, J.J. Grandville, Rosemarie Trockel, Erik Steinbrecher, Daniel Spoerri, Istvan Orosz, Lars Laumann, David Maljkovic, Anna und Bernhard Blume, Roee Rosen, Hans Richter, Jean Painlevé, Walon Green,

David Abram, Cornelius Borck, Harry Garuba, Avery F. Gordon, Alejandro Haber, Tom Holert, Esther Leslie, Thomas Macho, Angela Melitopoulos/Maurizio Lazzarato, Tobie Nathan, Spyros Papapetros, Elisabeth von Samsonow, Erhard Schüttpelz, Gabriele Schwab, Isabelle Stengers, Michael Taussig, Paulo Tavares, und Rane Willerslev.


Tom Holert, The Labours of Shine, 2012. Courtesy the artist

Anselm Franke ist Ausstellungsmacher, Kritiker und Dozent. Er ist Kurator der Ausstellung „Animismus“, präsentiert von 2010–2012 in verschiedenen Kapiteln in Antwerpen, Bern, Wien, Berlin und New York.

Ausstellung 16 March - 6 Mai 2012. Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles Allee 10 - 10577 Berlin. Tel.: +49 (0)3 03 97 870. Öffnungzeiten : Mi. - Mo. 11 - 19 Uhr.








Der Traum vom Fliegen, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

© ArtCatalyse International / Marika Prévosto 2012. Alle Rechte vorbehalten

Ausstellungen ergänzt 2011

Stefan Panhans, If A Store Clerk Gave Me Too Much Change, 2009.

Video. Shedhalle Zurich.


Stefan Panhans, If A Store Clerk Gave Me Too Much Change, 2009.

Es ist diese nutzlose, bewusstlose und im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Dimension des Schlafs und ihr Hineinwirken in den Tag, die uns für diese Ausstellung interessiert. Das Ich im Schlaf lässt sich nicht vereinnahmen, denn es ist weggeglitten; sogar der Powernap birgt unkontrollierte Momente. Insofern bergen Schlaf, Traum und Rausch widerständige Momente; eine Form von Widerständigkeit jedoch, die passiv strukturiert ist und sich eher durch das Aussetzen, den Entzug oder das Nicht-Einhalten bestimmter Regelwerke als durch Revolte auszeichnet.


Schlaf, Traum und Rausch in der Kunst wurden immer dann virulent, wenn es um den Entwurf einer Gegenästhetik zum Rationalismus ging. Der Surrealismus versuchte, die passiven und geheimnisvollen Kategorien von Schlaf, Traum und Rausch ästhetisch und politisch fruchtbar zu machen. «Die Kräfte des Rausches für die Revolution zu gewinnen, darum kreist der Sürrealismus in allen Büchern und Unternehmen», resümierte Walter Benjamin die surrealistische Ästhetik. «Le poète travaille», schrieb der Dichter Saint-Pol-Roux an seine Schlafzimmertüre, wenn er sich morgens schlafen legte und nicht gestört werden wollte. Diese von Walter Benjamin erwähnte Anekdote ist aus zweifacher Perspektive interessant: Einerseits spielt sie mit der modernen Vorstellung, dass das Künstlerdasein anderer Zustände bedürfe, dass Kreativität sich erst in der Auszeit zu den Mühen des Arbeitslebens einstellt, dass es, um visionär zu sein, einer Empfänglichkeit und Passivität bedürfe, wie sie exemplarisch im Schlaf zu finden ist. Andererseits wird gerade hier mit der bürgerlichen Vorstellung von Arbeit gespielt. Indem der schlafende, Kräfte tankende, im Moment gerade nichts leistende Künstler als ein Arbeitender (und nicht ein Faulpelz) benannt wird, übernimmt er vordergründig die Ideologie bürgerlichen Fleisses und industrieller Produktivität, die unablässig produziert, und führt sie doch ad absurdum.


Bezug nehmend auf solche Konzepte geht dieses Projekt der Frage nach, wie der Schlaf heute erfahren und künstlerisch adäquat dargestellt wird, in einer Gesellschaft, die mittlerweile gerne als schlaflose oder 24-Stunden-Gesellschaft benannt wird. Wie sieht eine Ästhetik des Schlafs heute aus? Wie wäre ihre entschleunigende Funktion zu werten? Hat sie als widerständige oder utopische Kategorie noch Gültigkeit?


Der Schlaf ist das Gegenkonzept zum Tag. Er ist bewusstlose Auszeit, in der der Mensch nichts tut, in Träume abdriftet, in andere Welten und Zeiten, sich verwandelt. Die Erlebnisse der Nacht lassen wir gewöhnlich am Morgen hinter uns, stehen auf, als ob nichts gewesen wäre. Auch das Erwachen ist ein Vergessen, oder denken wir an die Psychoanalyse, ein Verdrängen, so wie der Schlaf auf andere Weise ein Vergessen ist.


Im Schlaf sind wir da und doch nicht da. Schlaf und Traum bergen unheimliche Dimensionen, denn es geht um (Kontroll-)Verluste, um Hingabe, um ein Anders-Werden. Da, wo es um diese entsubjektivierenden Momente und um den Verlust von Kontrolle und Individualität geht, ist der Schlaf anderen Phänomenen wie dem Rausch, der Ekstase, der Halluzination oder der Trance verwandt. Der Schlaf erinnert an den Tod, an Passagen, an Schwellen. Er hat archaische und mythische Dimension – und ist deswegen dem modernen Denken konträr entgegengesetzt: nicht nur von protestantischem Fleiss, sondern auch von der Vorstellung von politischer Aktivität und subjektiver Handlungsmacht. Wie könnten SchläferInnen und Faulpelze unsere Welt ändern? Denn bewusst leben wir nur in der wachen Welt; nur diese ist die soziale Welt, die geteilte und gemeinschaftliche Welt, die wir nicht aufgeben dürfen, oder wie es Elisabeth Bronfen formuliert: «Wir brauchen die Nacht, um am Morgen in eine gemeinsame Welt zu erwachen».