ArtCatalyse International Ausstellungen

Press Mitteilung


Die Ausstellung Rethinking Location stellt Werke von 12 Künstlern, Filmemachern und Fotografen gegenüber, die sich mit fiktiven Geographien, imaginären Orten und „konstruierten“ Schauplätzen auseinandersetzen. In einer Ära, die durch zunehmende Mobilität, Migration und Globalisierung und einem sich rapide wandelndem Zeit-Raum Verständnis geprägt ist, hat sich unsere Vorstellung von dem, „was ein Ort ist“ entscheidend verändert. Diesen Wandel voraussetzend, beleuchtet Rethinking Location wie sich jüngere Künstler heute mit Geographie und „Orten“ als Bezugspunkten in ihrem Werk auseinandersetzen.


























Umdenken Standort, Anytime Anywhere Everything

Sprüth Magers Berlin (Deutschland)
01.05 - 19.06.2010






























11.10.2012 - 20.01.2013




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Austellung 1 May – 19 June 2010. Sprüth Magers Berlin Oranienburger Straße 18 D-10178 Berlin. Öffnungszeiten der Galerie: Di – Sa, 11 – 18 Uhr.























Animism
Haus der Kulturen der Welt, Berlin (Deutschland).
16.03 - 06.05.2012

Text von Anselm Franke, Kurator der Ausstellung „Animismus“

Die Ausstellung „Animismus“ beginnt bei dem, was uns allen aus Kunst und massenkulturellen Produkten – dem Trickfilm etwa – als Animation bekannt ist. Innerhalb der Kunst ist die Animation ein bekannter Effekt, anhand dessen Leben und Lebendigkeit suggeriert werden, insbesondere durch Bewegung, den aber auch Skulpturen oder bestimmte Bilder auszulösen imstande sind, insbesondere wenn diese den Blick des Betrachters gleichsam zu erwidern scheinen.

Aber was wir in der Kunst als Effekt akzeptieren, ist außerhalb dieser ein historisches Problemfeld. Was nehmen wir als lebendig wahr? Wenn wir diese Frage jenseits des Feldes der Kunst stellen, zieht sie unweigerlich Fragen nach sich, die uns auffordern, weitere Unterscheidungen zur Klärung anzuführen. Der bloße Effekt von Lebendigkeit ist nicht mit Eigenleben gleichzusetzen, das scheint außer Frage zu stehen. Aber wo verläuft die Trennungslinie? Was besitzt Seele, Leben, und Handlungsmacht? Dass die Grenze etwa zwischen beseelter und unbelebter Materie oder zwischen reinen Subjekten und bloßen Objekten keineswegs naturgegeben ist, dafür spricht schon die Tatsache, dass diese Grenze in verschiedenen Kulturen höchst unterschiedlich wahrgenommen und konzipiert wird. Eine letztgültige „objektive“ Bestimmung der „richtigen“ Trennung wird es daher kaum geben – um sich das auch innerhalb der eigenen Kultur zu vergegenwärtigen, denke man nur an die Unwägbarkeiten etwa bei der Debatte um den Zeitpunkt des menschlichen Todes und die Definition des „Hirntods“. Die Trennlinie ist aber auch keineswegs eine „rein“ subjektive Angelegenheit – immerhin ist sie für die Organisation der materiellen Beziehungen zur Natur ebenso entscheidend wie für die Frage, welchen sozialen und politischen Status Lebewesen in einer bestimmten Gesellschaft einnehmen. Können wir diese Trennlinie selbst und die sie organisierenden Wissensordnungen und Praktiken in den Blick nehmen? Das Projekt „Animismus“ geht davon aus, dass sich die Grenzziehungen im Imaginären einer Kultur symptomatisch spiegeln, dass Repräsentationen, ästhetische Prozesse und mediale Bilder diese Trennlinien konsolidieren, reflektieren und überschreiten. Die Ausstellung untersucht daher, wie sich diese Grenze in ästhetischen Prozessen der Subjektivierung und Objektivierung widerspiegeln, und sie versucht, diese ästhetischen Prozesse in die konkreten geschichtlich-politischen Hintergründe der kolonialen Moderne einzuschreiben.

Das radikalste Gegenbild zur westlich-modernen Weltsicht, deren dualistische Konzeption von einer kategorischen Subjekt-Objekt- Trennung ausging, findet sich im Animismus. Als animistisch werden solche Weltsichten bezeichnet, in denen es keine kategoriale Trennung von Natur und Kultur gibt, in der Objekte, die Natur oder der gesamte Kosmos als belebt wahrgenommen, und daher quasi subjektiviert werden. Ende des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt von Kolonialismus und wissenschaftlichem Fortschrittsglauben, suchte das moderne Weltbild sich im Bild des vormodernen Anderen selbst zu bestätigen. Und der Animismus wurde zum exemplarischen Ausdruck dieser Vorstellung vom Anderen. Animismus ist ein Gegenbild zur „entzauberten“, objektivierten, verdinglichten Welt der Moderne. Aus dieser Perspektive steht er für eine Welt der magischen Verwandlungen, in der die aus der Sicht der Moderne richtigen Grenzen vermeintlich verkannt oder – in einer romantisch-utopischen Wendung – überwunden worden sind. So real die Existenz animistischer Kulturen ist – sie machen nach einem christlichen Handbuch für Missionare heute in all ihrer Heterogenität rund 40 Prozent der Weltbevölkerung aus –, so problematisch war deren Erklärung für die westlich-moderne Tradition. Gehen wir von den eigenen Grundannahmen darüber aus, was „Natur“ und „Kultur“, „Objekte“ und „Subjekte“ konstituiert, so bleibt uns scheinbar nichts anderes übrig, als den Animismus als einen „Glauben“ zu charakterisieren, der die objektive Realität der Dinge verfehlt, und ihn anschließend als einen psychologischen Mechanismus zu erklären. Dabei werden aber die eigenen Grundannahmen und Grenzziehungen unhinterfragt auf andere Kulturen projiziert.

Der Animismus wird hier deswegen thematisiert, weil er eine reale Grenze der westlich-modernen Vorstellung darstellt, weil er eine Provokation des modernen Realitätsprinzips darstellt, das sich tief in die Alltagswahrnehmung eingeschrieben hat. Bestenfalls noch werden animistische Praktiken unter der Rubrik der „Kultur“ anerkannt, aber nur, solange sie keinen Anspruch einklagen, Aussagen über die wirkliche Beschaffenheit etwa der Natur zu treffen. „Animismus“ ist daher keine Ausstellung über den Animismus, die ethnografische Objekte in Vitrinen zeigt, von denen andere Kulturen behaupten, sie seien belebt. Denn die westliche Vorstellung vom Animismus des vormodernen Anderen, der fälschlich an die Beseelung von in Wirklichkeit unbelebten Objekten glaubt, ist selbst ein symptomatischer Ausdruck der modernen Grundannahmen. Der Begriff und die darin angelegte Vorstellung werden hier dagegen wie ein Rückspiegel betrachtet, anhand dessen die eigenen Grundannahmen zur Disposition gestellt werden können und damit als Produkte von Grenzziehungen erkennbar werden. Lässt sich Animismus jenseits der westlichen Vorstellung davon, was „Leben“, „Seele“, „Selbst“, „Natur“, „übernatürliche Kräfte“ oder „Glaube“ sind, als Praxis begreifen, beider es um andere Erfahrungen geht, um Prozesse und Wechselwirkungen von Subjektivierung und Objektivierung etwa, und nicht um starre Kategorien? Das Projekt „Animismus“ legt die Notwendigkeit einer Revision und Dekolonisierung nicht nur des überkommenen Verständnisses von Animismus, sondern auch des sich darin ausdrückenden modernen imaginären nahe.












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2012 Archive2011 Archive
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© ArtCatalyse International / Marika Prévosto 2012. Alle Rechte vorbehalten

Artists : Adam Avikainen, Artefakte//anti-humboldt, Angela Melitopoulos und Maurizio Lazzarato, Tom Holert, Martin Zillinger and Anja Dreschke, Dierk Schmidt, Jimmie Durham, Daria Martin, Paulo Tavares, Agency, Len Lye, Walt Disney, Ken Jacobs, Marcel Broodthaers, Didier Demorcy, Vincent Monnikendam, Candida Höfer, Yayoi Kusama, Victor Grippo, León Ferrari, J.J. Grandville, Rosemarie Trockel, Erik Steinbrecher, Daniel Spoerri, Istvan Orosz, Lars Laumann, David Maljkovic, Anna und Bernhard Blume, Roee Rosen, Hans Richter, Jean Painlevé, Walon Green,

David Abram, Cornelius Borck, Harry Garuba, Avery F. Gordon, Alejandro Haber, Tom Holert, Esther Leslie, Thomas Macho, Angela Melitopoulos/Maurizio Lazzarato, Tobie Nathan, Spyros Papapetros, Elisabeth von Samsonow, Erhard Schüttpelz, Gabriele Schwab, Isabelle Stengers, Michael Taussig, Paulo Tavares, und Rane Willerslev.


Tom Holert, The Labours of Shine, 2012. Courtesy the artist

Anselm Franke ist Ausstellungsmacher, Kritiker und Dozent. Er ist Kurator der Ausstellung „Animismus“, präsentiert von 2010–2012 in verschiedenen Kapiteln in Antwerpen, Bern, Wien, Berlin und New York.

Ausstellung 16 March - 6 Mai 2012. Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles Allee 10 - 10577 Berlin. Tel.: +49 (0)3 03 97 870. Öffnungzeiten : Mi. - Mo. 11 - 19 Uhr.


Animism
Haus der Kulturen der Welt, Berlin (Deutschland).
16.03 - 06.05.2012

Text von Anselm Franke, Kurator der Ausstellung „Animismus“

Die Ausstellung „Animismus“ beginnt bei dem, was uns allen aus Kunst und massenkulturellen Produkten – dem Trickfilm etwa – als Animation bekannt ist. Innerhalb der Kunst ist die Animation ein bekannter Effekt, anhand dessen Leben und Lebendigkeit suggeriert werden, insbesondere durch Bewegung, den aber auch Skulpturen oder bestimmte Bilder auszulösen imstande sind, insbesondere wenn diese den Blick des Betrachters gleichsam zu erwidern scheinen.

Aber was wir in der Kunst als Effekt akzeptieren, ist außerhalb dieser ein historisches Problemfeld. Was nehmen wir als lebendig wahr? Wenn wir diese Frage jenseits des Feldes der Kunst stellen, zieht sie unweigerlich Fragen nach sich, die uns auffordern, weitere Unterscheidungen zur Klärung anzuführen. Der bloße Effekt von Lebendigkeit ist nicht mit Eigenleben gleichzusetzen, das scheint außer Frage zu stehen. Aber wo verläuft die Trennungslinie? Was besitzt Seele, Leben, und Handlungsmacht? Dass die Grenze etwa zwischen beseelter und unbelebter Materie oder zwischen reinen Subjekten und bloßen Objekten keineswegs naturgegeben ist, dafür spricht schon die Tatsache, dass diese Grenze in verschiedenen Kulturen höchst unterschiedlich wahrgenommen und konzipiert wird. Eine letztgültige „objektive“ Bestimmung der „richtigen“ Trennung wird es daher kaum geben – um sich das auch innerhalb der eigenen Kultur zu vergegenwärtigen, denke man nur an die Unwägbarkeiten etwa bei der Debatte um den Zeitpunkt des menschlichen Todes und die Definition des „Hirntods“. Die Trennlinie ist aber auch keineswegs eine „rein“ subjektive Angelegenheit – immerhin ist sie für die Organisation der materiellen Beziehungen zur Natur ebenso entscheidend wie für die Frage, welchen sozialen und politischen Status Lebewesen in einer bestimmten Gesellschaft einnehmen. Können wir diese Trennlinie selbst und die sie organisierenden Wissensordnungen und Praktiken in den Blick nehmen? Das Projekt „Animismus“ geht davon aus, dass sich die Grenzziehungen im Imaginären einer Kultur symptomatisch spiegeln, dass Repräsentationen, ästhetische Prozesse und mediale Bilder diese Trennlinien konsolidieren, reflektieren und überschreiten. Die Ausstellung untersucht daher, wie sich diese Grenze in ästhetischen Prozessen der Subjektivierung und Objektivierung widerspiegeln, und sie versucht, diese ästhetischen Prozesse in die konkreten geschichtlich-politischen Hintergründe der kolonialen Moderne einzuschreiben.

Das radikalste Gegenbild zur westlich-modernen Weltsicht, deren dualistische Konzeption von einer kategorischen Subjekt-Objekt- Trennung ausging, findet sich im Animismus. Als animistisch werden solche Weltsichten bezeichnet, in denen es keine kategoriale Trennung von Natur und Kultur gibt, in der Objekte, die Natur oder der gesamte Kosmos als belebt wahrgenommen, und daher quasi subjektiviert werden. Ende des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt von Kolonialismus und wissenschaftlichem Fortschrittsglauben, suchte das moderne Weltbild sich im Bild des vormodernen Anderen selbst zu bestätigen. Und der Animismus wurde zum exemplarischen Ausdruck dieser Vorstellung vom Anderen. Animismus ist ein Gegenbild zur „entzauberten“, objektivierten, verdinglichten Welt der Moderne. Aus dieser Perspektive steht er für eine Welt der magischen Verwandlungen, in der die aus der Sicht der Moderne richtigen Grenzen vermeintlich verkannt oder – in einer romantisch-utopischen Wendung – überwunden worden sind. So real die Existenz animistischer Kulturen ist – sie machen nach einem christlichen Handbuch für Missionare heute in all ihrer Heterogenität rund 40 Prozent der Weltbevölkerung aus –, so problematisch war deren Erklärung für die westlich-moderne Tradition. Gehen wir von den eigenen Grundannahmen darüber aus, was „Natur“ und „Kultur“, „Objekte“ und „Subjekte“ konstituiert, so bleibt uns scheinbar nichts anderes übrig, als den Animismus als einen „Glauben“ zu charakterisieren, der die objektive Realität der Dinge verfehlt, und ihn anschließend als einen psychologischen Mechanismus zu erklären. Dabei werden aber die eigenen Grundannahmen und Grenzziehungen unhinterfragt auf andere Kulturen projiziert.

Der Animismus wird hier deswegen thematisiert, weil er eine reale Grenze der westlich-modernen Vorstellung darstellt, weil er eine Provokation des modernen Realitätsprinzips darstellt, das sich tief in die Alltagswahrnehmung eingeschrieben hat. Bestenfalls noch werden animistische Praktiken unter der Rubrik der „Kultur“ anerkannt, aber nur, solange sie keinen Anspruch einklagen, Aussagen über die wirkliche Beschaffenheit etwa der Natur zu treffen. „Animismus“ ist daher keine Ausstellung über den Animismus, die ethnografische Objekte in Vitrinen zeigt, von denen andere Kulturen behaupten, sie seien belebt. Denn die westliche Vorstellung vom Animismus des vormodernen Anderen, der fälschlich an die Beseelung von in Wirklichkeit unbelebten Objekten glaubt, ist selbst ein symptomatischer Ausdruck der modernen Grundannahmen. Der Begriff und die darin angelegte Vorstellung werden hier dagegen wie ein Rückspiegel betrachtet, anhand dessen die eigenen Grundannahmen zur Disposition gestellt werden können und damit als Produkte von Grenzziehungen erkennbar werden. Lässt sich Animismus jenseits der westlichen Vorstellung davon, was „Leben“, „Seele“, „Selbst“, „Natur“, „übernatürliche Kräfte“ oder „Glaube“ sind, als Praxis begreifen, beider es um andere Erfahrungen geht, um Prozesse und Wechselwirkungen von Subjektivierung und Objektivierung etwa, und nicht um starre Kategorien? Das Projekt „Animismus“ legt die Notwendigkeit einer Revision und Dekolonisierung nicht nur des überkommenen Verständnisses von Animismus, sondern auch des sich darin ausdrückenden modernen imaginären nahe.












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Artists : Adam Avikainen, Artefakte//anti-humboldt, Angela Melitopoulos und Maurizio Lazzarato, Tom Holert, Martin Zillinger and Anja Dreschke, Dierk Schmidt, Jimmie Durham, Daria Martin, Paulo Tavares, Agency, Len Lye, Walt Disney, Ken Jacobs, Marcel Broodthaers, Didier Demorcy, Vincent Monnikendam, Candida Höfer, Yayoi Kusama, Victor Grippo, León Ferrari, J.J. Grandville, Rosemarie Trockel, Erik Steinbrecher, Daniel Spoerri, Istvan Orosz, Lars Laumann, David Maljkovic, Anna und Bernhard Blume, Roee Rosen, Hans Richter, Jean Painlevé, Walon Green,

David Abram, Cornelius Borck, Harry Garuba, Avery F. Gordon, Alejandro Haber, Tom Holert, Esther Leslie, Thomas Macho, Angela Melitopoulos/Maurizio Lazzarato, Tobie Nathan, Spyros Papapetros, Elisabeth von Samsonow, Erhard Schüttpelz, Gabriele Schwab, Isabelle Stengers, Michael Taussig, Paulo Tavares, und Rane Willerslev.


Tom Holert, The Labours of Shine, 2012. Courtesy the artist

Anselm Franke ist Ausstellungsmacher, Kritiker und Dozent. Er ist Kurator der Ausstellung „Animismus“, präsentiert von 2010–2012 in verschiedenen Kapiteln in Antwerpen, Bern, Wien, Berlin und New York.

Ausstellung 16 March - 6 Mai 2012. Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles Allee 10 - 10577 Berlin. Tel.: +49 (0)3 03 97 870. Öffnungzeiten : Mi. - Mo. 11 - 19 Uhr.








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Ausstellungen ergänzt 2010

Die Arbeit von Rosa Barba und Taryn Simon geht häufig von einem Interesse an ungewöhnlichen Schauplätzen und unwirklich erscheinenden Situationen aus. Barbas Film The Empirical Effect (2009) erforscht eine geographische „Red Zone“: gedreht im Sommer 2009 während eines Evakuierungstests am Vesuv, vergegenwärtigt ihre fiktive Dokumentation einen möglichen Vulkanausbruch und verweist auf die komplexen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien. Barbas Film entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftslabor Osservatorio Vesuviano in Neapel und bezieht sich auf die Arbeit des Instituts mit Überwachungskameras und Seismographen am Vesuv sowie auf frühes Archivmaterial der Brüder Lumière. Die Fotografien der New Yorker Künstlerin Taryn Simon bewegen sich zwischen einem ästhetischen Realismus, Reisebericht und kollektiver Erinnerung. Die Rolle einer Ethnographin einnehmend, zeigt Simon Werke, die auf Orte geopolitischen Gewichts verweisen: unter anderem das Innere von Fidel Castros Palast der Revolution in Havanna und Nachtaufnahmen eines israelisch-palästinensischen Kontrollpunkts zwischen Jerusalem und Ramallah im Westjordanland.


Cyprien Gaillards Werke verwischen hierarchische Anordnungen von Orten. Indem Gaillard diese neu zusammenfasst, löst er sie von ihrer ursprünglichen Identität los und dekonstruiert anachronistisch Monumente, Ruinen und Landschaften der Vergangenheit und der Gegenwart. Seine in der Ausstellung gezeigten Arbeiten der Serie Fields of Rest (2010) zeigen Ruinen deutscher Kriegsbunker des Zweiten Weltkriegs an der Küste der Normandie.

Würde man heutige Künstler mit Bourriauds Semionauten vergleichen, wären häufige Ortswechsel sowie das Reisen zwischen verschiedenen Städten die Inspiration und das Ausgangsmaterial an sich. Diesen Gedanken als Sinnbild weiterverfolgend, gehen Künstler heute von verschiedenen, gleichzeitig parallel und vernetzt stattfindenden Diskursen aus: Expeditionen und geografische Erkundungen, Distanzen und Reiserouten werden selbst zur wichtigen Ressource innerhalb der künstlerischen Praxis.

Der in Peru geborene Armando Andrade Tudela beschäftigt sich mit der Verschiebung und der Auflösung realer Ortsbeschreibungen. Dabei geht es ihm weniger um geographische Grenzen, sondern vielmehr um das Potential imaginärer Plätze, die er selbst als „tropische Abstraktion“ bezeichnet. Utopische Architekturen der 1960er Jahre in Lateinamerika thematisierend, spielt sich sein in extremer Nahaufnahme gedrehter Film Untitled Film #2 (Espace Niemeyer and Infra Red Light) (2007) im Hauptquartier der Kommunistischen Partei in Paris ab. Tudela verwandelt das 1967 - 1972 vom brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer erbaute Gebäude in einen „Nicht-Ort“ - einen fiktiven Schauplatz ohne reale Verortung.

David Maljkovics Arbeiten beziehen sich auf das Potential vergessener „utopischer“ Monumente in einer optimistischen Phase der Moderne im ehemaligen Jugoslawien der 1960er und 1970er Jahre. Seine Lost Pavilion Serie (2008) verweist auf die Rekonstruktion eines Ausstellungspavillions der USA für die Weltausstellung in Zagreb von 1956.

Christodoulos Panayiotous Soliloquy (The Sea) aus dem Jahr 2010 thematisiert die Geschichte kolonialer Expeditionen. Die Arbeit ist Bestandteil einer Serie von Ankäufen von Theatervorhängen durch den Künstler, die zusammen mit einem Archivfoto der Originalinstallation gezeigt werden. Panayiotous Auseinandersetzung mit Phänomenen der Absenz und „negativen Präsenz“ gründet in seinem Interesse an Anthropologie und dem Erbe der Moderne.

Andro Wekuas Arbeit geht von der Rekonstruktion von Erinnerung aus und bezieht sich unter anderem auf den Einfluss des Unterbewusstseins und der Medien. Archiv- und gefundenes Bildmaterial mit fiktionalen und popkulturellen Referenzen vermischend, thematisieren seine My Bike and your swamp (yesterday) 2 (2008) Collagen Geschwindigkeit und Ortswechsel.

Koo Jeong-A erfindet Mythologien eigenständiger Welten innerhalb der Logik existierender Orte. Ihr Werk stellt oft das Ephemere, Unsichtbare und das nicht unmittelbar Auffindbare in den Vordergrund. Für die Ausstellung entwarf Koo Jeong- A Smelly Human (2010): eine Serie digital gezeichneter Karten, in denen sich die Künstlerin in einer geologischen Querschnitten gleichenden Landschaft befindet, deren Zeichen auf eine imaginäre Geographie verweisen. Darüber hinaus hat sie einen ortsspezifischen „Lecture Room“ entworfen, nach dem sich der Ausstellungsbesucher auf die Suche begeben kann.


In Sterling Rubys Video Performance Carthographic yard work: Dog behavior (2009) gräbt der Künstler Löcher in ein Gehege voll von Geröll und Borschlamm. Doppelbelichtete Kameraschwenks scannen den Ort um 360 Grad während eine stark verlangsamte Männerstimme Techniken, wie man einen Hund trainiert, verliest.


Andreas Hofers Werk vermischt Science Fiction, wissenschaftliche Recherche und Popkultur. Einflüsse aus dem Film noir, der Fantasyliteratur und dem Comic aufgreifend, verweist seine für die Ausstellung geschaffene multimediale Installation Robert and Matt Maitland (2010) auf den Künstler in der Rolle des reisenden Forschers. Die Arbeit versetzt den Protagonisten aus J.G. Ballards Science Fiction Roman Concrete Island von 1974 in das Set einer geographischen Expedition eines Comic-Klassikers der 50er Jahre. Indem Hofer beide ursprünglich getrennten Handlungsstränge überlagert, visualisiert seine Arbeit einen imaginär „konstruierten“ Ort, der Vorgefundenes und Erfundenes auf eine Realitätsebene stellt.


Das Ergebnis der heutigen Überlagerung realer Orte durch die Kanäle der Massenmedien und Kommunikationstechnologien sind virtuelle „Mashup-Schauplätze“: Archipele sich stetig wandelnder Zeichen zwischen realer und virtueller Information. Darüber hinaus hat das Internet massiv die Präsenz von Karten und Navigationssystemen in unserem Alltag verstärkt: heute ist es beispielsweise mit Hinblick auf „Geo-Tagging-Systeme“ wie Google Maps, Google Earth und GPS erheblich einfacher geworden, Karten zu finden, zu verändern, zu verbreiten und gemeinsam weiter zu entwickeln.

Trevor Paglens Kunst verwischt Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Tätig am Lehrstuhl für Geographie an der UC Berkeley, greift Paglen auf Analysen von Datensets, fortgeschrittene Recherchemethoden und neueste Technologien zur fotografischen Beobachtung zurück um das Terrain amerikanischer Militärgeheimnisse zu erforschen. Mit wissenschaftlichen Bildwelten und Astronomie-Diskursen als Grundlage, vermisst er sein Bezugssystem einer „experimentellen Geographie“. In seiner Serie The Other Night Sky (2008) richtet Paglen seine Aufmerksamkeit auf die 189 „Secret Service Satelliten“, die vom U.S. Militär zielgerichtet eingesetzt werden um einen Großteil der Welt zu überwachen.